Geschichte des Qi Gong Berlin von Ulla Blum

Ulla Blum – Heilpraktikerin und Dozentin Akupunktur, Qigong, Körperpsychotherapie (TCM)

In den Hauptstädten der Welt wie Berlin, New York, Tokio, Peking, London oder Paris haben sich frühzeitig teilweise schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts Menschen mit QiGong beschäftigt.

In Berlin wurde es mit den Schriften von Hübotter im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Qigong umfasst ein System von meditativen Übungen, die sich in China über viele Jahrhunderte entwickeln konnten. Diese Übungen werden in Bewegung, im Stehen, in Ruhe, sitzend oder auch liegend durchgeführt.

Viele Menschen und Therapeuten in Berlin setzen Qigong-Übungen mit Erfolg als Heilübungen bei verschiedenen Erkrankungen ein. Traditionell diente es schon immer der Verlängerung des Lebens, denn es hält Körper und Geist bis ins hohe Alter gesund.

Selbst große Kliniken bieten heutzutage Kurse an oder setzen die Methode in der klinischen Arbeit ein z.B. Hedwig-Kliniken Berlin, Vivantes Kliniken Berlin, Rheumaklinik Wannsee Berlin, St. Gertraudenkrankenhaus Berlin, Charité Berlin, Klinikum Berlin-Buch etc.

Der folgende Text gibt dem Leser einen Überblick über die Techniken und die Geschichte des Qigong und stellt die Einsatzmöglichkeiten dar . Er wurde uns von der bekannten Qi-Gong Lehrerin Ulla Blum, die in Berlin lebt und lehrt zur Verfügung gestellt.

Qigong – eine Geschichte (Ulla Blum)

In der Zeit, als solche Übungen zur praktischen Ausbildung daoistischer, buddhistischer, oder konfuzianistischer Schulen gehörten, wurden sie von einem Lehrer an seine Schüler weitergegeben. Doch mit den großen Umwälzungen, die China im letzten Jahrhundert erfahren hat, haben sich gerade diese Praktiken gelockert und immer mehr „geheimes Wissen“ drang an die Öffentlichkeit und fand Verbreitung.
Der Zweig Kungfu (Gongfu) ist sehr alt und auf Verteidigung ausgerichtet. Klösterliche Gemeinschaften, die in der Vergangenheit weit verbreitet waren, nutzen ihre Strukturen, um der Landbevölkerung, die sie ernährte, organisiert gegen plündernde Horden beizustehen. Verteidigung hieß in diesem Fall, mit bäuerlichem Werkzeug wehrhaft genug zu sein, sich diesen angreifenden Horden zu widersetzen. Auf der Grundlage der allgemeinen Philosophie von Yin und Yang, die in den Klöstern gelehrt wurde, entwickelten sich die Kungfu-Übungen. Es trainiert vor allem die Muskel- und Sehnenkraft, die Schnelligkeit und die Reaktionsfähigkeit. Gerade den Jungs imponiert diese Art der Bewegung besonders. Sie lernen es gerne und früh und so ist es in China weit verbreitet.

Das Taijiquan ging aus dem Zweig Kungfu hervor. Wird der Mensch älter, so ist er nicht mehr so geneigt zu kämpfen. Gesellschaftlich fand ein vergleichbarer Prozess statt. Aus dem kämpferischen Kungfu entwickelte sich in den letzten 200 – 400 Jahren eine neue Synthese von Übungen. Um nach wie vor Kraft und Reaktionsfähigkeit zu schulen, werden die kämpferischen Prinzipien in der Bewegung beibehalten, doch fortan finden sie nur noch in der Vorstellung Anwendung. So entstand eine Art Tanz, der auch als Schwert,- Stock,- oder Fächerform geübt wird. Beginnt man mit dem Taijiquan, so lernt man meist die reine Form, ohne Utensilien. Doch ganz gleich, um welche Form es sich handelt, immer geht es um die fließende Kraft in der Bewegung. Später lernt man im Push-Hands, der Partnerübung des Taijiquan mit Hilfe des Gegenübers (dem ehemaligen Feind), seine Fähigkeiten zu verfeinern, zu vertiefen und zu verinnerlichen. Taiji-Formen können recht lang sein, so braucht es relativ viel Zeit sie zu lernen.

Wie schon gesagt, alle drei Übungsformen, Kungfu, Taijiquan und Qigong entstammen der gleichen Familie, daher sind sie sich ähnlich und oft benutzen sie gleiche Abläufe. Es ist mehr die Art der Bewegungen, die sie voneinander unterscheidet. Traditionell üben besonders gute Kungfu-Kämpfer oder Taiji-Praktizierende das Qigong, um ihre Techniken zu verbessern.

Der Zweig der Übungen, den man heute zusammenfassend mit Qigong bezeichnet, entstammte der religiös – philosophischen Praxis. Sie galt der Einsicht wie der Förderung der inneren Werte und reicht zurück in die früheste Geschichte Chinas.

Genau bestimmen kann man natürlich nur schriftliche Belege. Ein bemaltes Seidentuch, aus dem Mawangdui-Grab (168 v. Chr.) zeigt 44 verschiedene Figuren begriffen in Leibesübungen. Es belegt, daß in China der westlichen Han-Zeit (206 v. Chr. bis 25 n. Chr.) bereits farbige Bildtafeln zum Lernen von Qigong benutzt wurden. Noch früher läßt sich ein 12-flächiger Gürtelanhänger aus Nephrit bestimmen (Frühling und Herbst Annalen 722 – 481 v. Chr.), dessen Inschrift eine detaillierte Beschreibung zu einer zentralen Atemübung im Qigong enthält. Frühere Quellen sind nach dem heutigen Stand der Forschung legendär. So erfand der Sagen nach, der chinesischen Herrscher Tang Yao (Xia-Dynastie 2205 – 1766 v. Chr.) einen Tanz, um sein Volk aus einer trüben und trägen Stimmung zu befreien.

Diese Geschichte gilt als frühe Quelle der heutigen Qigong-Praxis, sie verweist aber auch auf eine enge Beziehung des Qigong zum Schamanismus. Diese Beziehung gilt mittlerweile als gesichert.

Über alle Jahrhunderte hinweg definierte sich die Macht des chinesischen Kaisers in seiner Rolle als Mittler zwischen Himmel und Erde, den Menschen und den Göttern. Nur die Schamanen, die immer auch Heiler waren, hatten eine vergleichbare Funktion. Im Huangdi neijing suwen, dem Klassiker der chinesischen Medizin ist diese Nähe von Macht und Heilung belegt. Es ist eines der fünf heiligen Bücher in China und es ist verfasst als Dialog zwischen dem Kaisers Huangdi (dem legendären Gelben Kaiser) und seinem Hofarzt Chi-Po.

Das Huangdi neijing suwen gilt gleichzeitig als eines der wichtigsten Werke zum Daoismus, der chinesischen Philosophie schlechthin. Der Daoismus geht von einem ganzheitlichen Weltbild aus, indem es eine Analogie zwischen Himmel und Erde herstellt. Er sagt: alles was am Himmel passiert (Rhythmus der Sternbilder und Jahreszeiten) zeigt eine Entsprechung im Menschen selbst (wie wir uns kleiden, was wir essen und wie wir uns verhalten). So spiegeln sich Universum und Mensch gegenseitig, denn beide folgen den gleichen Gesetzen.

Mit dieser Vorstellung stehen alle Dinge, die Natur und der Mensch miteinander in Beziehung. Nichts darf fehlen, denn jedes Teil und ist es auch noch so klein, ist zum Bestand des Ganzen wichtig. Diese, wie sie heute genannt wird, fraktale Beziehung der Dinge zueinander, wurde von den Chinesen 5 Elemente Theorie genannt. In einer gegenseitigen Reaktion aufeinander, erneuern und kontrollieren sich die Elemente, die wir in der Natur, im Kosmos und im Menschen finden gegenseitig.

Es ist genau diese gegenseitige Erzeugung und Kontrolle, die das Gleichgewicht der Kräfte herstellt und erhalten kann. Das Huangdi neijing suwen, welches nichts an Aktualität verloren hat, ist nicht genau zu datieren. Sicher ist, daß es in der Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) verfasst wurde.

Es ist dieser daoistische Bezug, der das Qigong auszeichnet und auf den es zurückgeht. Doch da Daoismus und Buddhismus in ihren grundsätzlichen Vorstellungen übereinstimmen, haben sich die mehr religiös orientierten Praktiken des Buddhismus und die mehr philosophisch ausgerichteten Anschauungen des Daoismus – in China nach der Zeitwende – gegenseitig ergänzen und befruchten können und so finden wir heute Elemente beider Systeme im Qigong wieder.

So entwickelten häufig Einsiedler und zurückgezogen lebende Menschen diese Praktiken weiter. Das auch sie sich zu verteidigen wussten, ja manchmal als unangreifbar galten, war mehr ein „Nebeneffekt“, denn ein vorrangiges Ziel der Übung.

Übt man diese Übungen lange und intensiv, so lernt man seine Energien zu lenken. Sonst unbewusste Abläufe werden dem Übenden bewusst und die Kräfte, über die wir verfügen und die potentiell viel größer sind, als es uns scheint, können genutzt und eingesetzt werden. Dann kann ein Praktizierender auch zum Heiler für andere Menschen werden. Qigong-Heiler, die anderen Menschen helfen, können segensreich sein. Da sie über Kräfte verfügen, die außerordentlich und außergewöhnlich sind, ranken sich viele Geschichten um die „heiligen Menschen“. Es ist immer ein langer und oft ein beschwerlicher Weg, solche Kräfte zu erlangen. Sie beruhen auf viel Arbeit. Ein Qigong-Heiler öffnet seine Meridiane und fängt gleichsam kosmische Energien in sich auf, um die Energie anderer Menschen damit zu regulieren. Jeder von uns kann eine Situation erfahren, wo diese besondere Hilfe angemessen ist, aber man kann sie nur vorübergehend in Anspruch nehmen. Letztlich muß man sich doch selbst helfen. So ist der ultimative und beste Rat, daß jeder Mensch für sich selbst Verantwortung übernehmen sollte, für seine Gesundheit wie für seine Krankheit.

Hier greift das Qigong, das wir lernen können und das einen weniger hohen Anspruch verfolgt. Doch es heißt: bereits die Grundlagen-Übung im Qigong erfüllt alle Ansprüche (Gesetze) einer guten Praxis, man muß sie nur tun. Übend hinterfragen wir die Auswirkungen unserer Bewegungen, und wir können sie mit mehr Bewusstsein ausführen. Langsamkeit ist dabei das Mittel der Wahl, bis hin zur stehenden Position. Die Übung des Stehens ist besonders geeignet, die Kräfte, auf die wir körperlich und mental zurückgreifen können, zu erkennen und später einsetzen zu lernen.

Die Grundlagenübung im Qigong heißt daher „Stehen wie eine Kiefer“ oder „Die stehende Säule“. Mit dieser Übung nimmt man eine Haltung ein, die die Kräfte (Energien) zwischen Himmel und Erde kanalisiert. Dabei versucht man sich so gut es geht zu entspannen. Anfänglich ist das meist nicht ganz einfach. Aber mit der Zeit, wenn man es auf 20 Minuten täglich gebracht hat, spürt man einen deutlichen Nutzen. Ältere, schwächere oder kranke Menschen können diese Übung durchaus auch im Sitzen üben und haben einen ähnlichen Gewinn.

Mit dieser Grundlagenübung leitet man Schlechtes Qi ab und nimmt Gutes Qi auf. Sie reguliert einerseits vorhandene Kräfte, eignet sich aber auch zum Aufbau von Stärke und Widerstandskraft. So kann man sagen: Qigong ist sowohl in der Therapie der Schwäche und Leere, wie auch in der Therapie von Schmerzen und Fülle ein mögliches Mittel, denn es fördert Entspannung und unterstützt die Heilung. In seiner Wirkung erreicht es auch die inneren Organe und kann somit in der Heilung organischer Befunde hilfreich sein. Es ist gleichermaßen wohltuend für den Körper, die Psyche wie den Geist.

Kurzum, Qigong hat einen ganzheitlichen Ansatz und eine eben solche Wirkung. Ohne Leistungsanspruch, egal ob jung oder alt, ob gesund oder nicht, jeder Mensch kann Qigong üben, wenn es ihr oder ihm gefällt. Es verbessert den freien Fluss der Lebensenergie, es lindert und behebt Bewegungseinschränkungen wie Schmerzen. Langfristig geübt, reguliert es sogar die Struktur des Körpers. Es kann damit besonders wohltuend für Menschen sein, die aus beruflichen Gründen in ihrer Haltung reduziert oder eingeschränkt sind und die die Vielfältigkeit der Bewegungen, die uns möglich sind, kaum noch zu nutzen wissen.

Qigong baut Stress ab und zeigt Wege, wie man besser damit umgehen kann. Regelmäßiges Üben kann frühzeitiges Altern verhindern, es stärkt entspannt und beruhigt gleichzeitig und es macht uns dem Leben zugewandt. Ganz besonders positiv ist, dass sich einige Übungen mit etwas Übungserfahrung auch im Alltag jederzeit ausführen lassen.

Wie im Taijiquan werden auch im Qigong Abfolgen geübt. Doch in der noch stärkeren Verlangsamung und im noch tieferen hinein spüren, wo und wie welche Bewegungen was bewirken, gelingt es im Qigong gerade mit kleinen und kleinsten Übungssequenzen, eine individuell angepasste Wirkung zu erzielen. Qigong ist ebenso vielfältig, wie individuell, denn es kann sich jedem Menschen anpassen. Gerade deshalb ist es besonders geeignet, den Menschen im Heilungsprozeß zu unterstützen.

Übt man zu „Stehen wie eine Kiefer“, oder die „Schwingen auszubreiten, wie ein Kranich“, so übt man körperliches Geschick, wie die Förderung der inneren Ruhe mittels einfacher Bilder, die der Natur entlehnt sind. Unsere Atmung vertieft und verfeinert sich in den langsamen Bewegungen ganz natürlich. Da wir zudem unseren Geist an ein Bild knüpfen und nicht den vielen Gedanken folgen, die sich in der Entspannung gerne einstellen, geschieht die Atmung aus sich selbst heraus. Stellt sich dieser Zustand nach und nach ein, so erfahren wir auch einen Ausgleich der Gefühle. Natürlichkeit und Entspannung nehmen mehr und mehr Raum ein.

Es ist die angestrebte Verbindung der drei Wesensbereiche des Menschen, von

  • Körper (Haltung und/oder Bewegung),
  • Atmung (Aspekt der Emotion) und die
  • bildhafte Vorstellung (Aspekt des Geistes)

 

die das Qigong auszeichnet. Es ist diese spezielle Methodik, die das Qigong zu einer so wirkungsvollen Praxis macht.

Qigong ist tiefgründig und umfangreich. Man sagt, es sei „einfach und schwer zugleich“. Dies liegt an den Erfahrungen so vieler Generationen, die ihr Wissen, wie sich das Leben entfaltet und wie es sich in unseren Bewegungen äußert, in die vielfältigen Übungen eingebracht haben.

Da auch wir die Gesetze, nach denen das Leben entsteht, in uns tragen, scheinen die Übungen „einfach“. „Schwer zugleich“ sind sie, denn die Gesetze der Schöpfung sind vor uns selbst verborgen.

Versuchen Sie einmal, sich so zu bewegen, wie sie es als Baby taten. Viele der Bewegungen, die wir damals gemacht haben, würden uns auch heute noch gut tun, um unseren Rücken zu stärken. Und um ein weiteres, doch nicht nachahmenswertes Beispiel zu nennen: Fallen sie einmal bewusst die Treppe hinunter. Diesen komplexen Vorgang würden wir, je jünger wir sind, umso besser erfüllen, doch ihn bewusst auszuführen, das ist letztlich kaum möglich.

Denn die Gesetze, nach denen wir uns bewegen, wirken normalerweise ohne unser bewusstes zutun. Meist ist es eine Krankheit, oder sehr schwierige Lebenssituationen, die uns auffordern, Hilfe zu suchen und meist suchen wir sie im Außen. Vielleicht aber auch ein wenig im Innern. Sind wir dazu bereit, dann ist das Qigong vielleicht der geeignete Weg.

Qigong als Hilfe zur Selbsthilfe zeigt uns direkt und unmittelbar, über den eigenen Körper, über das, was jeder Mensch mitbringt und immer bei sich hat, wie man sein Gleichgewicht wieder herstellen kann. Es vermittelt auf sich selbst zu hören und in sich selbst zu vertrauen. Und weil das Qigong das nutzt, was wir sowieso sind, entfaltet es von der ersten Stunde an seine wohltuende Wirkung.

Dabei scheinen die fließend anmutenden Bewegungen einfach. In Wirklichkeit aber sind sie so komplex, daß man sie ein Leben lang üben kann. Findet man Gefallen, so ist das Beste am Qigong wie am Taijiquan: je länger man übt, umso schöner und reicher werden die Übungen.

Es gibt Übungen, die man in der Stille, d.h. sitzend oder liegend ausführt, zu denen man daher relativ wenig Krafteinsatz benötigt. Sie werden auch innere Übungen (Neigong) genannt. Sie eignen sich besonders für ältere oder schwache, wie chronisch kranke Menschen. Die Neigong-Praxis zählt aber auch zur meditativen Form des Qigongs. Hier kommen die Übungen vor, die früher besonders von den Mönchen und Einsiedlern geschätzt wurden.

Die äußeren Übungen (Weigong), auch Übungen in Bewegung, können von jedem Menschen mit seinem ihm gemäßen Krafteinsatz geübt werden. Immer aber kommen in der äußeren Bewegung auch Aspekte der Ruhe zur Anwendung und umgekehrt: in den Übungen der Stille, Aspekte der Bewegung. Dies ist ein weiteres Wesensmerkmal der Qigong-Praxis.

Bei den bewegten Übungen (donggong) handelt es sich meist um Qigong-Formen, d.h. um eine Abfolge mehrerer Übungsbilder, die den ganzen Körper trainieren. Verschiedene Übungsformen haben dabei unterschiedliche Schwerpunkte.

Es gibt Übungen, die mehr die Muskeln, Sehen und Gelenke (18-fache- Übung, 15 Ausdrucksformen des Taiji Qigong) üben, oder andere Übungsformen, die tiefer liegende Körperschichten ansprechen, wie die Nerven und das Blut (8 Brokat-Übungen, Ba Fan Huang Gong).

Wieder andere zielen mehr auf die innere Ruhe (jinjgong), aus chinesischer Sicht würde man sagen, auf die Wandlung der Emotion, wie es die 6-Laute-Übung zeigt. Diese Übungsabfolge dient der Reinigung und Klärung der inneren Organe und die Chinesen glauben, daß ein Übermaß an negativen Emotionen, wie Zorn, übermäßige Freude, Sorgen, Trauer, und Angst gerade diese Organe in ihrer Funktion beeinträchtigen. Die Übung der 6-Laute bezieht sich direkt auf die Organe Leber, Herz, Milz, Lunge, Nieren und Sanjiao (drei Wärmebereiche) und verbindet bestimmte Bewegungen mit bestimmten Tönen, damit unsere Organe wieder frei schwingen können.

Doch trotz all dieser Unterscheidungen, vereinen sich wie gesagt in jeder Qigong-Übung die drei Wesensaspekte des Menschen. Der physische Aspekt einer Übung trainiert unser körperliches Geschick und die Ausdauer. Die langsamen Bewegungen verhelfen zu mehr Körperwahrnehmung, Standfestigkeit, Gleichgewicht, Flexibilität und Geschmeidigkeit und der psychische Aspekt der Übung vermittelt Ruhe und Ausgeglichenheit.

Der eigentliche Schlüsselpunkt jeder Qigong-Praxis, der gleichzeitig auch die tiefste Ebene der chinesischen Philosophie darstellt, liefert die Vorstellung, daß die Erscheinungen dieser Welt immer in einem Yin/Yang-Verhältnis zueinander stehen.

Hinzu kommt, daß sich die Dinge, je nach ihrem Bezug, in dem wir sie antreffen verändern. So hat jedes Ding und jedes Wesen niemals nur eine Seite, sondern definiert sich immer auch in seinem Gegenteil, ohne das es nicht existieren würde. Jedes Unten hat ein Oben, jedes Vorne ein Hinten, jedes Rechts ein Links und jedes Innen ein Außen. Zudem sind alle Erscheinungen nur relativ. Das, was in dem einen Zusammenhang groß erscheint, wird im Vergleich zu einem anderen Ding vielleicht sehr klein. Auch wir Menschen können in diesem Sinn aufeinander wirken.

Pate für diese Theorie standen Himmel und Erde. Yang für den Himmel, der groß und hell (Sonne) ist und Yin für die Erde, die fest, stofflich, nährend aber auch dunkel (Nacht) ist. Selbst die Erde auf der wir leben und die wir ohne weiteres als groß bezeichnen können, erscheint im Verhältnis zum Universum und das, was wir mittlerweile darüber wissen doch sehr klein.

Bleiben wir im Erfahrungsbereich unserer Vorfahren, so war der Himmel das Mächtigste was es gab und die Dinge der Erde im Vergleich dazu klein. Sie definierten das Dritte, das was im Austausch zwischen Himmel und Erde entsteht als Qi. Damit ist Qi auch die Bewegung zwischen Himmel und Erde, oder das Wetter, von dem wir alle abhängen und ohne das nichts geschehen würde. Die Chinesen sagen aber auch: Qi steht für den Menschen. So spricht man auch von der Einheit von Yin, Yang und Qi, denn dieses Qi ist die Bewegung des Lebens, die sich seit dem Urbeginn immerwährend fortsetzt.

Wie aktuell diese Vorstellung der Chinesen auch heute noch ist, zeigt ein Vergleich zur modernen Wissenschaft. Man könnte sagen Yin, Yang und Qi sind wie die Doppelhelix der DNS. Dann stellt das Qi die sich windende Kraft zwischen den beiden Helixseiten (Yin und Yang) dar, die aufeinander reagierend, die unendlichen Möglichkeiten des Lebens hervorbringen.

Damit bezeichnet Qi auch eine unsichtbare Kraft. Es ist eine Kraft, die allem Lebendigen eigen ist. Wir können sie nicht anfassen oder berühren, auch wenn sie sich als Atem in uns bewegt, denn Lebenskraft entzieht sich jedem Zwang und folgt ihren eigenen Gesetzen. Lassen wir uns auf die Übungen ein, so können wir sie jedoch in uns spüren. Qi, so heißt es in der chinesischen Medizin, bewirkt den natürlichen Prozeß der Wandlung. Diese lebendige Wandlung vollzieht sich aus sich selbst heraus in Einfachheit und Natürlichkeit und so fördern wir Heilung und Bewusstsein. Dieser Prozeß ist Merkmal und Ziel der Qigong-Praxis.

Aus zwei Gründen erscheint es mir also wichtig, daß ein Anfänger dieser Methode ein wenig Geduld beim Erlernen mitbringt. Einmal, um bekannt zu werden mit der anderen, der östlichen Art des Denkens. Zum anderen, um vielleicht diejenige Form kennen zu lernen, die uns zu einem gegebenen Zeitpunkt am meisten entspricht.

Copyright Zentrum für Traditionelle Chinesische und Integrative Medizin Berlin und Ulla Blum Berlin 01.09.2007